Cerebelläre Ataxie mit Spätmanifestation (> 50. Lebensjahr)
Fragiles-X-assoziiertes-Tremor-Ataxie-Syndrom, FXTAS - FMR1
Klinische Symptomatik
4,2% der Männer mit zerebellärer Ataxie haben ein Fragiles-X-assoziiertes-Tremor-Ataxie-Syndrom (FXTAS), eine progressive zerebelläre Ataxie mit Intentionstremor im Erwachsenenalter (Brussino et al., 2005). Frauen sind seltener betroffen.
Diagnosekriterien:
- Hauptsymptome/Befunde:
- Prämutation im FMR1-Gen
- Höhere Signalintensitäten der weißen Substanz (zerebelläre Pedunkel oder Hirnstamm)
- Intentionstremor, Ataxie
- Nebensymptome/Befunde:
- Höhere Signalintensitäten der weißen Substanz
- Generalisierte Hirnatrophie
- Parkinsonismus
- Störung des Kurzzeitgedächtnis
Die Diagnose gilt als gesichert, wenn alle Hauptsymptome/Befunde vorliegen.
Die Diagnose ist wahrscheinlich, wenn ein neuroradiologisches Hauptsymptom und ein Nebensymptom vorliegen. Als weitere Symptome können Demenz, eine periphere Neuropathie, eine proximale Muskelschwäche der unteren Extremität oder eine Beteiligung des autonomen Nervensystems vorliegen. Mikroskopisch findet man eosinophile Einschlusskörperchen der Nerven- und Gliazellen.
Männliche Prämutationsträger erkranken mit einer Wahrscheinlichkeit von 17% zwischen dem 50.-59. Lebensjahr (LJ), mit 38% zwischen dem 60.-69. LJ, mit 47% zwischen dem 70.-79. LJ und mit 75% nach dem 79. LJ.
Der Mutationsnachweis klärt die Ursache des FXTAS und gibt Hinweise, ob auch Verwandte von FMR1-assoziierten Erkrankungen betroffen sein könnten. Diese sind:
- Fragiles-X- Syndrom (FraX)
- Fragiles-X-assoziiertes-Tremor-Ataxie-Syndrom (FXTAS)
- Prämature Ovarialinsuffizienz (POI)
- Psychologische Auffälligkeiten, insbesondere Zwangsstörungen und Psychosen.
Genetik
Das Fragile-X-assoziierte-Tremor-Ataxie-Syndrom (FXTAS) wird X-chromosomal vererbt. Es beruht auf einer Verlängerung eines CGG-Triplettrepeats in Exon 1 des FMR1-Gens (fragile x mental retardation 1) auf dem langen Arm des X-Chromosoms (Xq27.3). Hinsichtlich der Anzahl der Repeats werden Normal-, Grauzonen-/ Intermediär-, Prämutations- und Vollmutationsallele unterschieden (siehe Tabelle 1).
Bei der Vererbung
von Prämutationsallelen durch die weibliche Keimbahn besteht ein hohes Risiko
für die Entstehung einer Vollmutation. Die Wahrscheinlichkeit der Vererbung des
expandierten FMR1-Allels ist 50%. Die Wahrscheinlichkeit für eine Expansion in
den Vollmutationsbereich in der nächsten Generation ist abhängig von der
Repeatanzahl. Bei Vollmutationsallelen erfolgt eine Methylierung des FMR1-Promoters, die zum Abschalten der
FMR1-Expression führt. Eine Vollmutation geht im männlichen Geschlecht fast
immer mit dem Phänotyp des Fragilen-X-Syndroms einher. Beim weiblichen
Geschlecht erkranken ca. 2/3 der Vollmutationsträgerinnen, in der Regel mit einem
milderen klinischen Verlauf. In seltenen Fällen zeigen männliche
Vollmutationsträger keine Hypermethylierung des FMR1-Promoters. Sie sind deutlich milder betroffen („High
functioning males“).
Prämutationen bedeuten eine Risikoerhöhung für assoziierte Erkrankungen wie
vorzeitige (prämature) Ovarialinsuffizienz (POI) und/oder Fragile X Related
Tremor/Ataxia Syndrome (FXTAS). Ab dem oberen Norm- (35 CGG) bis in den
Prämutationsbereich erfolgt eine verstärkte Transkription des FMR1-Gens, hier
ist vermutlich der FMR1-mRNA ein
toxischer Effekt zuzuordnen. Ein Zusammenhang für Trägerinnen von Allelen im
oberen Norm- und Grauzonenbereich (35-55 CGG) für eine POI lässt sich nicht
eindeutig belegen. Ein erhöhtes Risiko wird in der Literatur kontrovers
diskutiert.
Prämutationen und Vollmutationen werden durch die männliche Keimbahn ausschließlich als Prämutationen vererbt. Alle Töchter sind obligate Trägerinnen einer Prämutation. Söhne erben das X-Chromosom der Mutter.
| CGG-Repeats | männlich | weiblich | |
| Normalallel |
5 - 40 |
stabil in einer Person und stabil in der Vererbung | |
| Grauzonen- oder Intermediärallel | 41 - 55 |
stabil in einer Person, instabil in der Vererbung, aber keine Expansion zur Vollmutation in der nachfolgenden Generation | |
| Prämutationsallel | 56 - 200 |
stabil in einer Person,
instabil in der Vererbung: Töchter obligate Trägerinnen einer Prämutation; erhöhtes Risiko für FXTAS |
stabil in einer Person,
instabil in der Vererbung; Risiko für Vollmutation in der nächsten Generation in Abhängigkeit von der Repeatanzahl; wenn ein expandiertes Allel vererbt wird, ist das Risiko für eine Expansion in den Vollmutationsbereich abhängig von der Repeatanzahl: 55-69: 3-5% 70-79: 31% 80-89: 58% 90-99: 80% 100-200: 94-100%; erhöhtes Risiko für POI und FXTAS |
| Vollmutationsallel | > 200 | FraX-Syndrom, instabil in einer Person (somatisches Mosaik), instabil in der Vererbung: Töchter obligate Trägerinnen einer Prämutation |
etwa 60% zeigen i.d.R. eine
milde mentale Retardierung, instabil in einer Person (somatisches Mosaik),
instabil in der Vererbung; max. 50% Risiko für Vollmutation bei den Nachkommen |
Häufigkeit
Prämutationsallele:
- weibliche Bevölkerung: 1:200 bis 1:300
- männliche Bevölkerung: ca. 1:400
Diagnostik
PCR-Analyse zum Nachweis von verlängerten und nicht verlängerten Allelen
Southern-Blot-Untersuchung zum Nachweis bzw. zur Bestätigung von Prämutations- und Vollmutationsallelen und Analyse des Methylierungsstatus
2 - 4 ml EDTA-Blut
2 - 3 Wochen
